Mittwoch, 26. März 2014

Rote Schuhe





Es wurde einmal ein seltsames Paar roter Schuhe gefunden
An einem seltsamen Ort
Diese Schuhe waren abgewetzt
Und sie hatten traurige Sohlen
Die Schuhe waren einmal auf dem Weg in märchenhafte Länder
Doch Regen und Wind sogen den Schuhen den Atem heraus
Die Nacht nahm was ihr nicht gehörte
Alles folgte fernen Gesetzen ohne Bedauern

Die Schuhe wurden einmal aus besten Stoffen gefertigt
Mit Perlen besetzt und mit goldenen Borten verziert
Lange silberne Bänder sollten sich um Füße winden
Doch Dornen haben diese Bänder von den Schuhen gerissen
Vom rastlosen Suchen und Laufen lösten sich die Seidenstoffe
Die Schuhe wurden zu Pantoffeln
Offen, verletzlich, ohne Heimat

Im Wald lebten Wesen der tausend Worte
Sie aßen morgens ein Wort und bewegten es im Munde
Dazu tranken sie ein zweites Wort
Dieses Wort durchspülte den gejagten Körper
Trafen sich zwei dieser rätselhaften Wesen
So schenkten sie einander ein funkelndes, poliertes Wörtchen
Das geschenkte Wort wurde wie eine Fauenfeder auf ihre Kronen gesetzt

Eines dieser Wesen liebte anschmiegsame Stoffe
Es wußte den Wert von Perlen und Borten zu schätzen
Eines Tages suchte und fand es die Schuhe
Auf einem Markt, auf dem nichts verkauft wurde
Heimlich griff das Wesen nach den Schuhen
Obwohl seine Hand wie Feuer zu brennen begann
Konnte es die Schuhe nicht wieder los lassen

Angekommen in der Höhle, in der er thronte
Schlüpfte er mit den Füßen in die Pantoffeln
Wieder begannen die Hände zu brennen wie rostiges Feuer
Doch die Füße waren das erste mal im Leben beschützt
Vor dem mit zerbrochenem Glas übersäten Boden
Heimlich begann das Wesen die Beine zum Tanze zu heben
Unbemerkt vom Universum schlich eine Träne über die harten Wangen

Doch das Wesen musste seinen Fund den anderen Wesen verschweigen
Da es kein Wort für die Pantoffeln fand
Das Wesen suchte mit der Verzweiflung des nahen Todes nach dem einen Wort
Doch das sonst so pralle Faß der Möglichkeiten schien leer zu sein
So musste das Wesen weiter mit nackten Füßen blutige Wege gehen

An allen Bäumen hingen gierige, einsame, inszenierte Worte
Die Wiesen erleuchteten mit Fragen aller geheimnisvollsten Welten
Jede Blume schien das Wissen der Väter zu bewahren
Der von allen verehrte Fluß in der Mitte des Waldes reißt jede Frage mit sich
Zarte Vermutungen werden überspült ohne je in die Hand genommen zu werden
Inmitten all dieser Billionen von schönen und tiefen Worten
Fehlt dem Wesen das eine Wort

Eines Nachts verließen die Schuhe das Wesen
Etwas panisch sprangen sie aus der goldenen Truhe in die sie das Wesen bewahrte
Die Schuhe atmeten die kühle Nachtluft und begannen leise zu singen
Die Melodie berührte das alt und starr gewordene Wesen im Traum
Eine feenhafte Gestalt breitete die Arme aus und schenkte dem Wesen
DAS WORT
Dabei floss heißes Blut aus dem Munde der Gestalt

Am Morgen entdeckte das Wesen seinen Verlust
Und das übernatürlich schöne Geschenk der nächtlichen Gestalt
Und in all seinen alten, gebrauchten Worten fand er keine Weisheit mehr
So beerdigte er seine gesammelten Worte
Und zuletzt sich selbst in dem heißen Blut in seinem Bett
Mit letzter Kraft versuchte er sich an das Wort im Traum zu erinnern
Dabei fiel sein Blick auf die leere Truhe
Auf den Grund der Truhe hatten die Pantoffeln ein Wort gestickt... DAS WORT!


Am nächsten Morgen erblickte ein neues
Kindlich lächelndes Wesen das Licht des Lebens
Die Spur der nächtlichen Träne ließ Träume wachsen
Auf dem faltigem Gesicht spiegelte sich die Sonne
Das Wesen trat vor die Tür und atmete
Vor der Schwelle ruhten geduldig die geliebten Schuhe

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