Sonntag, 7. Juli 2013

Gott im Heimathafen

Gott im Heimathafen

Gestern war Gott sicher unbemerkt in die Probebühne des Neuköllner Volkstheaters Heimathafen am Pier 9 geschlüpft, um das Stück


Und jetzt bitte in die Kamera“ zu erleben.
Der syrische Autor Mohammad Al Atta nimmt das Puplikum, dass gerade aus dem lebendig-bunten Hauptstadttreiben kommt, mit in eine Welt, die wir gern in unsere TV-Geräte gesperrt ließen. Syrien – Gewalt – Angst – weltweite Unruhen


Damaskus 2012. Noura entscheidet sich, die Erfahrungen von Gefängnisinsassen des Assad-Regimes mit der Kamera zu dokumentieren. Es soll ihr Beitrag zur Revolte werden. Doch was bedeutet „dokumentieren“ in dieser Situation? Durch die Kamera verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Die persönlichen Erzählungen fordern mehr von Noura als erwartet und sie ist hin- und hergerissen zwischen Idealismus, Neugier, Empathie und wachsender Angst. Die Auseinandersetzung mit den Häftlingen einerseits und ihrer gutbürgerlichen, regimetreuen Familie andererseits lassen sie ahnen, welche brutalen Konflikte noch bevorstehen. Wie weit wird sie gehen?“

Ich war übrigens auch in der Probebühne und hatte das Gefühl, als säße Gott direkt neben mir.
Alle meine mitgebrachten Klischeevorurteile über politisches Theater musste ich schnell entsorgen.
Ich habe großes Theater erlebt, dass unter die Haut, direkt in die fragende Seele geht.

Da sagt ein junger Mann vor der Kamera, dass er gerade in dieser schrecklichen Situation der Ohnmacht und des Leidens erstmalig so klare Gedanken gehabt habe wie nie zuvor.
Es hört sich für mich bekannt an, wenn er entdeckt, dort unter Schmerzen leidend und allein komme er zu unfassbar neuen Gedanken über sich selbst.
Auch der Hass gegenüber seinen Folterknechten hielte sich merkwürdigerweise in Grenzen.
Er begreife etwas von der Gefangenschaft auch der Wärter in einem Schreckenssystem.

Auch hier in Berlin sitzen viele Menschen in Gefängnissen fest: in JVA´s, in unheilbaren Krankheiten, in zerbrochenen Lebenskonzepten... oder in der Psychiartrie.
Es kommt manchmal der Punkt, an dem Menschen entweder zerbrechen oder mutig ganz neue Fragen stellen. Ich glaube, dass Gott in solchen Momenten ganz nahe ist.
Aus meiner ehrenamtlichen Arbeit in einer Berliner JVA weiß ich, dass dort auch manchmal die Frage nach Gott nicht mehr umgangen werden kann...

In dem Stück landet Noura am Ende selbst im Gefängnis, wo sie ihr älterer, gut gestellter Bruder dank seiner Beziehungen besuchen darf. Die Geschwister geraten wie gewohnt auch dort aneinander, haben das Gefühl Einer verstehe den Anderen nicht.
Noura schleudert dem Bruder heftig erregt entgegen: Vielleicht sollte unsere ganze Familie mal hier her kommen...vielleicht könne man dann endlich mal über die Dinge reden, die mit so viel Mühe vertuscht wurden.

Ich selbst würde gern mal mit Gott über den „Arabischen Frühlig“ reden, oder über Kinderhospitze, oder über Hiob...
Und ich würde auch gern mit all den Menschen reden, die keine Ahnung von der revolutionären Kraft der Liebe Gottes haben.
Die Liebe, die heilen und so verändern kann, dass Wahrheit-erkennen und -sagen zur Befreiung werden kann.
Also ich denke, dass Gott auch im Theater sitzen kann oder im Knast oder bei dir im Wohnzimmer.

Gisela Henning

 

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